Startseite » Faszination Rundlinge im Wendland: Wo die Häuser im Kreis tanzen

Faszination Rundlinge im Wendland: Wo die Häuser im Kreis tanzen

Anzeige

Ein Besuch der historischen Rundlingsdörfer im Niedersächsischen Wendland mutet an, wie eine Zeitreisen im Kreisverkehr der Geschichte. Diese einzigartige Siedlungsform stammt aus dem Mittelalter und ist in dieser Dichte nur im Wendland erhalten geblieben. Charakteristisch ist die runde oder ovale Anordnung der Bauernhäuser mit den Giebeln zur Mitte hin – ein architektonisches Erbe slawischer Siedler.


-von Werner Menzel-
Fotos: werner-menzel.de


In Lübeln, dem wohl bekanntesten Rundling, beginnt unsere thematische Radtour, denn per Fahrrad lassen sich diese Dörfer am intensivsten entdecken und erleben. Mit Gästeführerin Ute John haben wir eine besonders kompetente und sachkundige Begleitung gefunden. Schließlich lebt sie selbst in einem Rundlingshaus und ist dort auch aufgewachsen. Sie radelte mit uns durch eine märchenhafte Landschaft und erklärte, warum die Rundlinge nicht nur optisch, sondern auch sozial besonders waren: Die Gemeinschaft stand im Mittelpunkt, Schutz und Zusammenhalt bestimmten das Dorfleben.

Kulturhistorisches Juwel

Rundlingsdörfer gelten als kulturhistorisches Juwel. Ihre Entstehung geht auf slawische Siedler im 12. und 13. Jahrhundert zurück. In Zeiten der mittelalterlichen Ostkolonisation legten sie ihre Dörfer in runder oder hufeisenförmiger Anordnung an – die Gehöfte bildeten einen geschlossenen Ring um einen zentralen Dorfplatz. Die Giebel der Hallenhäuser zeigten dabei stets zur Mitte, was das Miteinander und die Verteidigung vereinfachte.

Mit familiären Bindungen

Die erste Ansiedlung umfasste drei bis zehn Bauernhöfe, später folgten Nachsiedlungen, sodass sich aus halbrunden Anlagen nach und nach stabile Rundlinge bildeten. Im Laufe der Jahrhunderte entwickelten sich die Rundlinge zu agrarischen Lebensgemeinschaften, oft mit familiären Bindungen untereinander. Die Häuser – sogenannte Niederdeutsche Hallenhäuser – kombinierten Wohnraum, Stallungen und Speicher unter einem Dach. Ihre Größe und Bauweise spiegelten den Wohlstand und die gesellschaftliche Stellung der Besitzer wider.

Anekdoten aus der alten Zeit

Heute sind etwa 90 dieser Rundlingsdörfer mehr oder weniger im Originalzustand erhalten – viele von ihnen denkmalgeschützt. Besonders sehenswert sind die Dörfer Satemin, Lübeln, Jameln und Schreyahn. Letzteres beherbergt heute ein Künstlerhaus, das Stipendien an Kulturschaffende vergibt. Zwischen 1680 und 1890 führte wirtschaftlicher Aufschwung (z. B. durch Leinwandherstellung) zur Bauphase, deren Ergebnisse heute noch sichtbar sind. Danach blieb die Region strukturschwach, sodass keine moderne Überformung stattfand und die Rundlinge in großem Umfang erhalten blieben. Ute John bringt uns mit viel Sachkenntnis und lokalen Anekdoten die Bauweise, Geschichte und Eigenarten der Dörfer näher. Die Tour führt über ruhige Landstraßen, vorbei an blühenden Feldern und knorrigen Kopfweiden – ein Erlebnis, das die Sinne beruhigt und gleichzeitig inspiriert.

Mit Taufengeln ins Leben starten

Eine Besonderheit in kleinen evangelischen Kirchen im Wendland sind die leider nur noch selten anzutreffenden Taufengel. Die kunstvoll geschnitzten, meist barocken Holzfiguren in Engelsgestalt hängen von der Decke herab und dienten dazu, das Taufbecken oder das Taufwasser bei der Taufzeremonie zu halten oder zu präsentieren. Der Taufengel wurde dabei zur Taufe heruntergelassen und danach wieder nach oben gezogen. In Kirchen ohne festes Taufbecken war der Taufengel eine praktische Lösung, um das Taufgerät bei Nichtgebrauch platzsparend und dennoch präsent zu verwahren. Insbesondere in den Rundlingsdörfern gibt es eine auffallend hohe Dichte an erhaltenen Taufengeln in den Dorfkirchen.

Im Sommer brüten hier Störche

Aus eigener Erfahrung berichtet Ute John von alten Ritualen, wie dem gemeinsamen Schmücken des Dorfes im Mai oder dem gemeinsamen Dreschen und der Heuernte: Gemeindearbeit gegen moderne Einsamkeit. Sie berichtet über die Sprache der Vorfahren – das polabische Drawänopolabische – das bis 1756 hier gesprochen wurde, die alten Ortsnamen, die noch heute slawisch klingen. Und darüber, wie stark das Dorfleben einst war. Ein besonderes Ritual am Rundlingplatz: Im Juni brüten zahlreiche Storchenpaare am Rand der Dörfer. Die Stürme jagen Wolken über die Flächen, und manchmal bringt ein Nestbesitzer das Fernglas – um die Küken zu zählen: zwei, drei – flauschig weiß – und das Herz hüpft.

Erlebte Geschichte im Museum

Nach einer kurzen Rast mit regionaler Stärkung im charmanten Markthof Satemin – einem weiteren prächtigen Rundling mit Kunsthandwerk und Fachwerkidylle – führte der Weg zurück nach Lübeln. Das dortige Rundlingsmuseum ist ein Muss für jeden Geschichtsfan. 1969 wurde der Rundlingsverein gegründet mit dem Ziel, diese einzigartigen Siedlungen zu erhalten – aus ihm ging auch das Rundlingsmuseum Wendlandhof in Lübeln hervor. Für sein Engagement erhielt der Verein 2015 den Europa-Nostra-Preis. In historischen Höfen wird das Alltagsleben von früher lebendig: von der Feuerstelle über die Spinnstube bis zum bäuerlichen Festtagstisch. Bauernstuben mit Originalmöblierung sind hier ebenso erlebbar, wie historische Werkzeuge und wechselnde Ausstellungen, die das dörfliche Leben vergangener Jahrhunderte veranschaulichen. Als krönender Abschluss: eine kleine Kostprobe des Schafmilchlikörs „White Wendish“ – mild, cremig und typisch Wendland.

Anzeige

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert