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Im Recker Moor lebt die Vergangenheit: Geheimtipp im nördlichen Münsterland

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Das nördliche Münsterland gilt nicht unbedingt als Hotspot, wenn es um touristische Attraktionen geht. Da überrascht ein Tipp, der uns zum Recker Moor führen soll. Schon die Fahrt Richtung Recke lässt uns spüren, dass wir etwas Besonderem entgegenfahren. Die Straßen werden schmaler, die Felder weiter, und in der Ferne liegt ein sanfter Dunst über der Landschaft, der wie ein Schleier wirkt.


Autor: Werner Menzel
Fotos: werner-menzel.de


Als wir am kleinen Wanderparkplatz ankommen, begrüßt uns eine fast greifbare Stille. Nur das Summen der Bienen und das ferne Rufen eines Kuckucks dringen zu uns. Der Morgen ist kühl, die Luft frisch und feucht – es riecht nach Erde, Wasser und Holz.

Das knapp vier Quadratkilometer große Recker Moor ist als Naturschutzgebiet im Tecklenburger Land nordöstlich von Recke in der Bauerschaft Langenacker ausgewiesen. Zusammen mit dem Mettinger Moor gehört es zu den am besten erhaltenen Moorgebieten in Nordrhein-Westfalen. Wir schultern die Rucksäcke und folgen dem kleinen Holzschild, das schlicht „Recker Moor“ sagt. Noch ahnen wir nicht, wie sehr uns dieser Tag berühren wird. Der erste Abschnitt des Weges führt uns durch lichte Kiefernhaine. Sonnenstrahlen brechen durch das dichte Nadelwerk und tanzen in flackernden Mustern über den Waldboden. Wir hören das leise Knacken trockener Zweige unter unseren Schuhen, spüren den Sand, der an manchen Stellen weich nachgibt. Je weiter wir gehen, desto spürbarer wird eine unsichtbare Grenze: Der Wald öffnet sich, der Boden wird feuchter, und dann, fast unvermittelt, liegt es vor uns – das Recker Moor.

Stege über schwarzem Grund

Vom Hauptweg, der auch mit dem Fahrrad gut zu bewältigen ist, führen hier und da schmale Holzstege direkt hinein ins Moorgebiet und vermitteln, schwebend über der nassen, geheimnisvollen Landschaft, echtes Moorgefühl. Unter uns glitzert das Wasser, dunkel und still, beinahe schwarz, als trüge es uralte Geheimnisse in sich. Es ist einer dieser Orte, an denen die Zeit langsamer vergeht. Wir hören plötzlich Dinge, die uns sonst entgehen: das Summen der Libellen, das ferne Plätschern, wenn irgendwo eine Ente landet, das leise Rascheln des Windes im Schilf.

Lebender Geschichtsunterricht

Das Recker Moor ist eines der letzten lebenden Hochmoore in Nordrhein-Westfalen. Jahrtausende alt, geformt von Wasser, Torf und Geduld. Wir lesen auf einer kleinen Infotafel, dass sich Moore nur wenige Millimeter pro Jahr entwickeln – und dass dieser Boden, auf dem wir stehen, in seiner Tiefe bis zu sechs Meter Torf birgt, Schicht für Schicht, wie Seiten in einem uralten Buch.
Jede Lage erzählt von den Klimaschwankungen der Jahrtausende, von Regenzeiten, von Hitzeperioden, von der stillen Arbeit der Natur.

Vielfältige Tierwelt

Wir bleiben stehen, schließen die Augen und atmen tief ein. Es riecht nach feuchtem Holz, nach Moos und nach diesem unverwechselbaren, leicht herben Duft, den nur Moore haben. Die Luft ist kühl und feucht, und für einen Moment fühlen wir uns, als wären wir weit weg von allem, was Alltag heißt. Plötzlich hören wir das dumpfe Trompeten eines Vogels. Wir schauen nach oben und entdecken ein Kranichpaar, das hoch über uns seine Kreise zieht, die Flügel weit ausgebreitet. Ihr Ruf klingt tief und archaisch, fast wie eine Botschaft aus einer anderen Zeit. Hier im Recker Moor haben sie ihren Rastplatz gefunden, und wir begreifen, wie wichtig dieser Lebensraum für so viele Tiere ist. Seltene Libellenarten, Schmetterlinge, Moorfrösche – sie alle sind Teil eines fragilen Netzes, das nur funktioniert, weil das Moor geschützt wird.

Beeindruckende Farbenspiele

Die Landschaft um uns herum wirkt karg und reich zugleich. Zwischen den dunklen Wasserflächen leuchten helle Inseln aus Wollgras, wie kleine Schneeflecken, die der Sommer vergessen hat. Dazwischen ragen Birken mit weißen Stämmen und filigranen Zweigen auf, fast zerbrechlich im Wind. Wir setzen uns auf eine kleine Bank am Rand des Stegs, lassen die Beine baumeln und nehmen das alles in uns auf. Es gibt Orte, die erzählen Geschichten. Dieses Moor flüstert. Beim Weitergehen verändert sich das Licht. Die Sonne bricht stärker durch die Wolken, und plötzlich leuchtet alles – das Grün der Moose, das Silber der Wasserflächen, das helle Weiß der Wollgräser. Es ist, als hätte jemand die Farben intensiver gedreht.

Wie mit dem Lineal gezogen

Ein Blick von einem der Aussichts- und Beobachtungsplattformen zeigt auch heute noch, wie einst der Torf gestochen und später das Moor wieder Stück um Stück renaturiert wurde: Eine klare Aufteilung in Quadrate und Linien, die einem verborgen bleibt, wenn man „nur“ vom Weg aus über die Fläche schaut.

Ein Gefühl von Zeitlosigkeit

Später, als wir wieder beim Auto ankommen, sind wir stiller als sonst. Das Recker Moor hat uns etwas gegeben, das uns überrascht hat und das wir nicht mitnehmen können, aber tief in uns tragen: ein Gefühl von Weite, von Stille, von Zeitlosigkeit. Wir haben gelernt, wie verletzlich diese Landschaft ist, aber auch, wie kraftvoll sie sein kann, wenn man ihr Raum lässt. – Ein Besuch, den man wiederholen sollte!

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