“Wo ist das denn?” – Diese Frage begegnet uns ständig, wenn wir von unserem Plan, die Region Epirus im Nordwesten Griechenlands zu besuchen. Kaum bekannt und dennoch voller historischer und geologischer Highlights ist dieser wilde Landstrich mindestens ebenso viel Beachtung wert, wie die bekannten Inseln und Sonnenziele, die man in jedem Reisekatalog findet. Und schon die Anfahrt in den nordwestlichsten Winkel Griechenlands verändert unseren Blick auf das Land.
Text und Fotos: die-menzels.de
Die vertrauten Bilder von weißen Inselhäusern, trockenem Fels und azurblauem Meer treten zurück. Vor uns steigen bewaldete Bergrücken auf, Schluchten schneiden tief in das Kalkgestein, Flüsse schimmern türkis zwischen Platanen und Erlen. Die Straßen werden schmaler, die Kurven enger, die Siedlungen kleiner. Dächer, Mauern, Wege und Brunnen scheinen aus demselben grauen Stein geschaffen zu sein, als hätten die Dörfer der Region Zagori nicht Menschen gebaut, sondern als seien sie langsam aus den Bergen herausgewachsen.
Kilometer sind hier relativ
Unser erster Ausgangspunkt ist das Kleine Örtchen Vitsa, dessen Häuser aus Naturstein, dunklem Holz sich zurückhaltend in die traditionelle Umgebung einfügen. Der Ort liegt günstig, um die Dörfer und Brücken des zentralen Zagori zu erkunden. Schon am frühen Morgen erkennen wir, dass Entfernungen hier nicht allein in Kilometern gemessen werden können. Hinter jeder Kurve öffnet sich ein neuer Blick, an jeder Schlucht möchten wir anhalten und aus jeder kurzen Fahrt wird beinahe zwangsläufig eine Entdeckungsreise. Zagori ist kein einzelner Ort und auch keine Stadt, sondern eine historische Kulturlandschaft aus zahlreichen Bergdörfern, den Zagorochoria. Ihre steinernen Häuser, Plätze, Treppenwege und Bogenbrücken bilden ein zusammenhängendes System, das sich über Jahrhunderte entwickelte. 2023 wurde die Kulturlandschaft von Zagori in die UNESCO-Welterbeliste aufgenommen. Die UNESCO würdigt dabei nicht nur einzelne Bauwerke, sondern das Zusammenspiel aus Siedlungen, Verkehrswegen, heiligen Wäldern und einer Gebirgslandschaft, an die sich die Menschen auf bemerkenswerte Weise angepasst haben.

Brücken zwischen Bergen und Zeiten
Wir beginnen unsere Reise bei einem der bekanntesten Wahrzeichen der Region, der Kokkoris Bridge, die auch Noutsos- oder Kokkorou-Brücke genannt wird. Sie überspannt mit einem einzigen, kühn gezogenen Bogen ein felsiges Flussbett zwischen hohen Kalksteinwänden. Je nach Jahreszeit führt der Bach unter ihr Wasser oder verliert sich beinahe vollständig zwischen Geröll und hellem Gestein. Doch selbst bei niedrigem Wasserstand wirkt die Brücke nicht funktionslos. Sie steht da wie ein ruhender Gedanke aus Stein, konzentriert und vollkommen in ihrer Form. Bei Kipi erwartet uns ein Bauwerk, das gelegentlich missverständlich als „Kiki Bridge“ bezeichnet wird. Gemeint ist in der Regel die berühmte Kalogeriko- oder Plakidas-Brücke in der Nähe des Dorfes Kipoi. Anders als die Kokkoris Bridge besitzt sie drei Bögen, die sich in rhythmischen Wellen über das Tal ziehen. Die Brücke wurde 1814 anstelle eines älteren Holzstegs errichtet. Kipi selbst gehört zu den schönsten Ausgangspunkten für Wanderungen zwischen mehreren historischen Brücken. Die Häuser stehen eng beieinander, die Gassen steigen in kurzen Stufen an, und auf dem Dorfplatz spannt eine mächtige Platane ihr Blätterdach über Cafétische und steinerne Mauern. Wir bestellen griechischen Kaffee, der langsam im kleinen Kupferkännchen aufgekocht wurde. Dazu kommt ein Stück herzhafte Pita auf den Tisch, noch lauwarm, mit einer Füllung aus Käse und wilden Kräutern.

Am Rand der großen Leere
Von Monodendri aus nähern wir uns einem der eindrucksvollsten Naturphänomene Griechenlands. Der Weg zum Aussichtspunkt Oxia führt zunächst durch den sogenannten Stone Forest. Flache Kalksteinschichten ragen hier senkrecht und schräg aus dem Boden. Sie sehen aus wie aufgeschichtete Mauern, versteinerte Baumstämme oder die Ruinen einer unbekannten Stadt. Unvermittelt erinnern sie an die bekannten Pancake-Rocks auf der Neuseeländischen Südinsel. Zwischen den Felsen wachsen Eichen, Wacholder und niedriges Gebüsch. Vor uns öffnet sich die Vikos-Schlucht. Die gegenüberliegenden Felswände scheinen zum Greifen nah und sind doch durch einen gewaltigen Abgrund getrennt. Tief unten zeichnet sich das Flussbett als heller Streifen ab. Wolkenschatten wandern über die Hänge, Greifvögel kreisen fast auf Augenhöhe. Die Schlucht gehört zum Nationalpark Nördlicher Pindos und zum UNESCO Global Geopark Vikos–Aoos.
Käse ist hier mehr als Feta
Zurück in Monodendri führt uns der Weg durch gepflasterte Gassen, vorbei an massiven Herrenhäusern mit schweren Holztüren. Im Dorf begegnet uns erneut die enge Verbindung zwischen Landschaft und Küche. Auf den Speisekarten stehen langsam geschmortes Ziegen- oder Lammfleisch, kräftige Suppen, Bohnen, Pilze aus den umliegenden Wäldern und Käse aus Schafs- und Ziegenmilch. Die Küche ist nicht filigran im modischen Sinn. Sie lebt von Zeit, guten Grundprodukten und einer beinahe kompromisslosen Bodenständigkeit. Feta spielt dabei eine wichtige Rolle, doch die Käsetradition von Epirus reicht weiter. Die Milch von Schafen und Ziegen wird zu frischen, gereiften und geräucherten Sorten verarbeitet. Dazu kommen Joghurt, Butter und weiche Molkenkäse. Die ausgeprägte Viehwirtschaft der Bergregion schuf eine Küche, in der Milchprodukte und Fleisch ebenso selbstverständlich sind wie die Kräuter, Pilze, Kastanien und Nüsse der Wälder.

Konitsa und der große Bogen über dem Aoos
Weiter nördlich verändert sich die Landschaft erneut. Konitsa liegt an den Hängen des Trapezitsa-Gebirges, oberhalb des Zusammenflussraumes von Aoos, Voidomatis und Sarantaporos. Die Lage nahe der albanischen Grenze prägte die Stadt als Handelsplatz und kulturellen Übergangsraum. Von hier aus reichen die Täler in mehrere Richtungen, während über allem die Bergmassive Tymfi, Smolikas und Grammos aufragen. Das berühmteste Bauwerk Konitsas steht am Eingang der Aoos-Schlucht. Die große einbogige Steinbrücke spannt sich mit beinahe unglaublicher Eleganz über den Fluss. Rund 35 Meter lang und etwa 20 Meter hoch, gehört sie zu den eindrucksvollsten historischen Einbogenbrücken des Balkans. Wir verlassen die Stadt und folgen dem Voidomatis bis zur Klidonia- oder Kleidonia-Brücke. Sie steht nahe dem Ausgang der Vikos-Schlucht und bildet einen stilleren Gegenpol zum mächtigen Bogen von Konitsa. Auch sie überspannt den Fluss mit einem einzelnen Steinbogen.

Gastfreundschaft und Wildküche in Bourazani
Westlich von Konitsa, nur wenige Kilometer von der Grenze zu Albanien entfernt, erreichen wir Bourazani. Das Bourazani Wild Life Resort liegt in einer weitläufigen, bewaldeten Landschaft gegenüber dem Umweltpark. Im Park leben unter anderem Rot- und Damwild, Rehe sowie Wildschweine. Die Tiere bewegen sich in großen, naturnahen Bereichen, und Führungen vermitteln Einblicke in die heimische Fauna und in den Rückgang vieler großer Säugetierarten auf der Balkanhalbinsel. Im Resort werden wir mit jener selbstverständlichen Herzlichkeit empfangen, die in Epirus häufig nicht inszeniert, sondern gelebt wird. Noch bevor wir unser Gepäck vollständig abgestellt haben, stehen Wasser, Kaffee und etwas Gebäck bereit. Später sitzen wir an einem langen Tisch, während aus der Küche Schüsseln und Platten kommen, die kaum noch Platz füreinander lassen. Die lokale Küche wird hier stark von Fleisch und Wildgerichten geprägt. In dieser abgeschiedenen Grenzregion begegnen uns immer wieder Klöster und kleine Kirchen. Besonders eindrucksvoll ist das Kloster der Entschlafung der Gottesmutter, die Monastery of the Dormition of the Virgin Mary, in der weiteren Umgebung von Molivdoskepasti. Schon der griechische Ortsname, der sinngemäß auf ein mit Blei gedecktes Dach verweist, klingt wie ein Echo aus byzantinischer Zeit.
Wasser, Glaube und Grenzgeschichten
Die Lage nahe der Grenze verleiht dem Besuch eine zusätzliche Dimension. Albanien liegt nur wenige Kilometer entfernt. Berge und Flüsse ignorieren die politische Linie, während Dörfer, Familiengeschichten, Handelsbeziehungen und kulinarische Traditionen auf beiden Seiten des Grenzraumes miteinander verbunden sind. Gleichzeitig war diese Gegend lange strategisch sensibel und schwer zugänglich. Bourazani und Konitsa sind keine Ziele, die wir ausschließlich vom Auto aus begreifen sollten. Die Landschaft verlangt Bewegung. Auf Aoos und Voidomatis werden Rafting- und Kajaktouren angeboten, Wanderwege führen in Schluchten, zu Klöstern und auf Hochflächen, und Mountainbiker finden Forstwege, alte Verbindungsrouten und anspruchsvolle Anstiege. Kletterer nutzen die Kalksteinwände der Umgebung, während Canyoning-Touren in engere Schluchten führen. In Konitsa werden außerdem Bergsteigen, Reiten, Bogenschießen und je nach Anbieter Gleitschirm- beziehungsweise Drachenfliegen angeboten.

Eine Landschaft, die bleibt
Als wir am Ende der Reise noch einmal am Ufer des Aoos stehen, hat sich unser Bild von Griechenland erweitert. Zagori und Konitsa sind nicht das Gegenmodell zu den Inseln und Küsten des Landes, sondern eine andere, weniger bekannte Ausprägung derselben kulturellen Tiefe. Hier bestimmen Berge, Wälder und Flüsse den Rhythmus. Stein ist Baumaterial, Verkehrsweg, Schutz und Gedächtnis. Die Küche folgt derselben Logik. Sie verarbeitet, was die Landschaft hervorbringt: Milch von Schafen und Ziegen, Fleisch und Wild, Pilze, Kräuter, Bohnen, Kastanien, Walnüsse, Honig und Früchte. Nichts daran wirkt beliebig. Eine Pita erzählt von mobilen Hirtenfamilien, ein Glas Tsipouro von Ernte und Gemeinschaft, ein Wildgericht von Wald und Jagdtradition, ein Löffel süßer Früchte von der Notwendigkeit, den Sommer für den Winter zu bewahren. Wir verlassen Epirus mit dem Gefühl, dass diese Region nicht in einzelnen Sehenswürdigkeiten erzählt werden kann. Kokkoris Bridge, Kalogeriko Bridge, Vikos-Schlucht, Stone Forest, Vradeto, Konitsa und Bourazani sind Teile eines großen Zusammenhangs.





There is 1 comment
Ein mit treffenden Worten gefasstes Bild dieser Region, der Bewohner und vor allem der atemberaubenden Natur.
Es bleibt zu hoffen, dass ein sanfter Tourismus diese Ursprünglichkeit noch auf lange bewahrt!